1. Der Hintergrund
Eltern mit behinderten Kindern stehen vor besonderen Herausforderungen, wenn sie ihr Kind nicht in einem Heim untergebracht haben, sondern es zuhause betreu-en. Die Pflege des oder der Kinder ist nicht nur eine enorme psychische und physische Belastung, sondern führt meist auch dazu, dass die Eltern keiner normalen beruflichen Tätigkeit nachgehen können und auf die finanzielle Hilfe vom Staat angewiesen sind. Aufgrund der begrenzten und für die angemessene Pflege des Kindes nicht ausreichenden Mittel geraten Familien mit behinderten Kindern nicht selten in finanzielle Nöte und gesellschaftliche Isolierung.
Während gesunde Kinder schon frühzeitig damit beginnen, eigenständig zu wer-den, allein oder mit Anderen zu spielen, Hobbys nachzugehen etc., stehen bei den Eltern von behinderten Kindern wöchentlich meist nicht nur mehrere Fahrten zum Arzt und verschiedene Therapien auf der Tagesordnung. Die dauerhafte Beauf-sichtigung und Betreuung der behinderten Kinder bedeutet, dass Eltern so gut wie keine freie Zeit für eigene Dinge, zur Erholung oder Zweisamkeit bleibt. Perma-nenter Stress und körperliche Anstrengungen führen bei vielen Vätern und Müttern zu Burnout o.ä. sowie dem Gefühl, allein gelassen zu werden.
Ein Großteil der Familien hält diesem Druck nicht stand und zerbricht. Oft bleibt ein Elternteil mit dem Kind allein zurück, was die Notlage zumeist verschlimmert. Die Flucht in Abhängigkeiten ist für Manche der scheinbar einzige Ausweg.
Als weitere Erschwernis kommt hinzu, dass sich auch oder gerade Eltern von behinderten Kindern wünschen, dass ihre Kinder als Erwachsene ein halbwegs selbstständiges Leben in liebevoller Umgebung führen können. Insbesondere dann, wenn Vater und Mutter nicht mehr als Betreuer und Lebensbegleiter zur Verfügung stehen. Die Aussicht, dass das eigene Kind später im Pflegeheim en-det, weil kein anderer Platz in der Gesellschaft da ist, ist für viele Angehörige quälend, besonders vor dem Hintergrund der wachsenden Intoleranz in der Ge-sellschaft gegenüber Menschen, die nicht den üblichen Normen entsprechen sowie der kritischen Pflegesituation in den Heimen. Neben den zu bewältigenden Alltagsproblemen ist die Zukunftsangst für viele Familien mit behinderten Kindern täglicher Begleiter.
2. Der Verein „Nicos Farm e.V.“
Nach zahlreichen Gesprächen mit anderen betroffenen Eltern und angetrieben von der eigenen Angst um die spätere Zukunft seines schwerbehinderten Sohnes wurde auf Initiative von Arnold Schnittger aus Hamburg im Januar 2008 der Verein „Nicos Farm e.V.“ gegründet, dessen Gemeinnützigkeit anerkannt ist.
Arnold Schnittger ist Vater eines seit der Geburt körperlich wie geistig schwer behinderten 16-jährigen Jungen – Nico Schnittger. Seine Idee, für Familien bzw. Alleinstehende mit behinderten Kindern einen gemeinsamen Lebensraum aufzu-bauen, in dem die Gemeinschaft dafür sorgt, dass sich keiner allein gelassen fühlt und Eltern nicht unter dem Druck des Alltags und der Zukunftsängste zerbrechen, findet viele Anhänger. Nicht nur Vereins- und Fördermitglieder engagieren sich für dieses Vorhaben. Auch Hamburger Künstler wie Konstantin Wecker, Uwe Friedrichsen u.v.a. unterstützen die Idee für das Projekt mit vielfältigen Aktionen.
3. Ziel des Projektes
Ziel des Projektes ist es, Familien mit behinderten Kindern das Leben durch Ge-meinschaft zu erleichtern und einen Ort zu schaffen, an dem die Kinder auch im Erwachsenenalter bleiben und nach ihren Möglichkeiten wirken können.
4. Das gesuchte Objekt
Der Verein „Nicos Farm e.V.“ ist nun zunächst bemüht, ein Objekt zu finden, das in erster Linie die Möglichkeit zum Zusammenleben verschiedener Familien in getrennten Einheiten bietet. Darüber hinaus muss die Durchführung und ggf. spätere Ansiedlung verschiedener Therapieangebote möglich sein. Wert wird auch darauf gelegt, dass kulturelles Leben in bzw. beim Objekt stattfinden kann.
Zusammengefasst hat der Verein folgende Kriterien für das gesuchte Objekt definiert:
- Zentrale Lage mit guter Verkehrsanbindung
- möglichst geringer Investitionsaufwand (guter baulicher Zustand)
- Barrierefreiheit in hohem Maße
- Raum für Wohneinheiten für mindestens fünf Familien
- Raum für betreutes Wohnen
- Raum für Therapieangebote
- Raum für kulturell-gesellschaftliche Aktivitäten im Innen- und Außenbereich
- umgebendes Grundstück mit ausreichend Raum für Gärten, Spielplatz, Tierhaltung, Ruhebereich, kulturelle Aktivitäten
- geschlossener Komplex
- räumliche Möglichkeit mit anderen Trägern zu kooperieren
5. Nicos Farm „An der alten Wache“
5.1 Beschreibung
Als das nach den oben genannten Kriterien am meisten geeignete Objekt wird der ehemalige Bundeswehr-Komplex in Glinde eingeschätzt. Das Gelände umfasst zwei Immobilien. In der Mitte ist ein Hofplatz angeordnet. Zum Objekt gehört eine große Grünfläche.
Die Gebäude eignen sich für die Einrichtung separater Wohneinheiten hervorragend. Bauliche Veränderungen sind voraussichtlich problemlos zu realisieren. Die Infrastruktur der Gebäude (Wasser, Abwasser und Heizung) ist wahrscheinlich verwendbar. Eine Inspektion der Gebäude wird hier genauere Erkenntnisse bringen. Die geplante Nutzung der einzelnen Objektteile ist im Punkt 5.7 aufgeführt.
Das Grundstück verfügt über umfangreiche Flächen, die als Grünfläche, jedoch auch zu Gartenbauzwecken genutzt werden können. Je nach der noch zu ermittelnden Grundstücksgröße könnte u.U. durch Anbau von Obst und Gemüse ein Wirkungsraum für die Gemeinschaft, insbesondere für die Behinderten, entstehen, mit dem perspektivisch auch Erlöse durch den Verkauf von Gartenbau-Produkten erzielt werden können.
Im Folgenden wird der Gedanke, der hinter dem Projekt steht, näher erläutert. Detaillierte Beschreibungen können der Anlage ab Seite 15
entnommen werden. Das Objekt wird aufgrund seiner von uns gewünschten Bestimmung nachfolgend „Nicos Farm“ bzw. teilweise zur besseren Lesbarkeit „Hof“ genannt.
5.2 Nicos Farm als Lebensraum
Für das Zusammenleben der Familien gibt es beim Verein „Nicos Farm e.V.“ grundsätzliche Vorstellungen, die weiterhin zu spezifizieren und zu einer Haus- und Hofordnung mit Rechten und Pflichten für die einzelnen Parteien auszubauen sind. Schwerpunkt liegt dabei vor allem darauf, dass sich die Familien unter-einander organisiert unterstützen, beispielsweise bei der Beaufsichtigung der Kin-der, bei der Wahrnehmung von Therapien oder bei der Freizeitgestaltung. Dies geschieht mit dem Ziel, jedem einzelnen Elternteil mehr Freiraum für sich selbst einzuräumen und sukzessive ein Stück weit vom eigenen Kind loszulassen. Hof-bewohner werden jedoch auch entsprechend ihrer Möglichkeiten verpflichtet, be-stimmte Aufgaben für die Gemeinschaft zu übernehmen.
Nicos Farm wird von mehreren Parteien in separaten Einheiten mit Wohn- und Schlafräumen sowie sanitären Einrichtungen bewohnt. Im Sinne der Gemeinschaft ist angestrebt, zusätzlich eine gemeinsame Küche mit Essenraum zu führen. Die Einheiten werden durch den Verein „Nicos Farm e.V.“ regulär zu üblichen Beding-ungen an die Familien vermietet.
In der Startphase des Projektes können erste Erfahrungen gesammelt werden und in den weiteren Ausbau des Hofes sowie die Haus- und Hofordnung einfließen. Vorzugsweise sind für den Start Familien auszuwählen, deren Kinder leichtere bis mittlere Behinderungen haben. Grundsätzlich erfolgt die Auswahl der Hof-Familien mittels Bewerbungsverfahren. Richtlinien für die Aufnahme sind durch den Verein festzuschreiben und offen zu legen.
Die behinderten Kinder wohnen in den Wohnungen ihrer Eltern und werden durch diese betreut. Entsprechend des Alters besuchen sie tagsüber reguläre Schulen oder werden durch die Familie versorgt. Benötigte Therapien werden auf dem Hof angeboten. Entsprechende Angebote von Therapeuten liegen dem Verein bereits vor, ebenso wie Anfragen für die Niederlassung spezieller Therapeuten, die längerfristig vom Verein angestrebt wird.
Zu einem von der jeweiligen Familie und in Abstimmung mit der Hofbetreuung und den Therapeuten bestimmten Zeitpunkt wechseln die behinderten Kinder bzw. Ju-gendlichen in eine Gruppe für betreutes Wohnen auf dem Gelände. Mit Eintritt in die Wohngruppe erlischt das Recht der Familie des Behinderten, eine Wohnung auf dem Hof zu belegen. Innerhalb einer in der Haus- und Hofordnung fest-zulegenden Frist ist die Wohnung für nachrückende Familien freizumachen.
Der Hof bietet ideale Voraussetzungen für eine aktive Freizeit mit therapeutischem Charakter. Neben Gartenbau nach ökologischen Prinzipien und der artgerechten Haltung von therapeutisch sinnvollen Haustieren bietet auch der angrenzende Wald umfangreiche Möglichkeiten, die behinderten Kinder mit Natur und Umwelt in Kontakt zu bringen. Ein Spielplatz mit behindertengerechten Spielgeräten kann darüber hinaus als Bewegungszentrum dienen.
5.3 Nicos Farm als Arbeitsort
Für die Erhaltung und Bewirtschaftung von Nicos Farm sowie für die Unterstützung der Familien bedarf es entsprechender personeller Ressourcen.
Folgendes Personal ist für die Anfangsphase erforderlich:
- 1 Hofleiter/in Vollzeit – Administration des Hofes
- 1 Mitarbeiter/in in Vollzeit bzw. 2 Mitarbeiter/innen in Teilzeit – verantwortlich für Haustechnik und Grundstückspflege, Versorgung der Haustiere und Garten (Hausmeister)
- 1 Betreuer/in – verantwortlich für Unterstützung der Familien, Beratung usw.
Das Personal kann bei Bedarf zu den üblichen Mietkonditionen auf Nicos Farm wohnen.
Entsprechend der weiteren Entwicklung des Hofes ist Personal zu entwickeln. Insbesondere im Bereich Betreuung wird es hier – spätestens mit der Einrichtung der ersten Wohngruppen für die behinderten Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen – Bedarf geben. Für die Unterstützung der Arbeit des Stammpersonals ist der Einsatz von Mitarbeitern im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres bzw. von Zivildienstleistenden angestrebt.
Des Weiteren ergeben sich aufgrund der geplanten Einrichtungen auf Nicos Farm Möglichkeiten Arbeitsplätze für Behinderte zu schaffen, die ansatzweise in den folgenden Kapiteln zu finden sind. Diese lassen sich im Laufe der Zeit höchst-wahrscheinlich noch ausweiten.
5.4 Nicos Farm als Ort für Kultur und Bildung
Durch seine Anordnung und die Art der zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten bietet der Hof gute Möglichkeiten für reges Kulturleben. Künstler aus Hamburg, Glinde und Umgebung finden hier eine Bühne bzw. einen Ausstellungsort der besonderen Art. Durch die intensiven Kontakte der Mitglieder von „Nicos Farm e.V.“ in die Kultur- und Vereinsszene kann mittelfristig ein ganzjähriges Kultur-programm angeboten werden. Nicos Farm kann sich hier öffentlichkeitswirksam präsentieren und sich zu einer festen Größe in der Kunst- und Kulturlandschaft entwickeln. Neben dem finanziellen ist hier besonders auch der integrative Aspekt zu sehen, insbesondere auch unter Berücksichtigung der UN-Konvention über den Umgang mit behinderten Menschen. Mit Veranstaltungen wie Konzerten, Ausstellungen und Lesungen werden nicht nur Erlöse erzielt und ggf. Sponsoren gefunden.
Sie können darüber hinaus dazu beitragen, Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen und das Bewusstsein zu wecken, dass Behinderung nicht zwangs-weise Ausgrenzung bedeutet.
5.5 Nicos Farm als Begegnungsstätte
Durch die enge Nachbarschaft zur Neubausiedlung wird der Kontakt als sinnvoll und erstrebenswert erachtet.
Denkbar ist auch eine Zusammenarbeit mit der nahe gelegenen Schule. So könnten beispielsweise die auf Nicos Farm angebotenen Therapien auch von Kindern dieser Schule genutzt werden, was sich insbesondere für die Familien der Schulkinder als hilfreich erweisen kann.
5.6 Der Hof als erhaltenswerte Immobilie
Vor diesem Hintergrund ist es aus Sicht des Vereins besonders wichtig, die weitere Nutzung des Objektes in Hände zu legen, die sich dessen Besonderheit bewusst sind und dieser mittels geeigneter Maßnahmen Rechnung tragen. Dazu gehört selbstverständlich die Einhaltung entsprechender Richtlinien und die Abstimmung baulicher Maßnahmen mit der zuständigen Behörde.
Mit den bereits dargelegten Ideen für die Nutzung der Immobilie, u.a. als Ort der Kultur und Bildung und als Begegnungsstätte, wurde dargelegt, wie der Verein „Nicos Farm e.V.“ das Objekt im Falle einer Übernahme für die Allgemeinheit öffnen und im Interesse der Stadt Glinde erhalten würde.
Ein weiterer Leerstand der Immobilie führte erfahrungsgemäß zu einem Verfall des Objektes. Dieser ist durch die bereits erfolgte Beschädigung einzelner Fenster und einigen Durchfeuchtungen in den Gebäuden absehbar. Eine baldige Nutzungsänderung der Immobilie könnte diesem rechtzeitig Einhalt gebieten und Folgekosten für Reparaturen vermeiden.
5.7 Geplante Nutzung der Gebäude
Im Folgenden ist die geplante Nutzung der einzelnen Gebäude des Objektes durch den Verein „Nicos Farm e.V.“ aufgeführt. Es wird darauf hingewiesen, dass es sich hierbei zunächst um einen Grobentwurf handelt, da die Örtlichkeit noch nicht durch den Verein und Sachverständige in Augenschein genommen werden konnte. Etwaige Änderungen des Plans nach genauer Kenntnis baulicher Gegebenheiten sind ergo möglich. Vorläufige Skizzen für die Objektplanung mit der Be-zeichnung der einzelnen Gebäude werden durch unseren Architekten nachgereicht.
6. Die nächsten Schritte
Folgende Schritte sind aus Sicht des Vereins „Nicos Farm e.V.“ für die Umsetzung des Projektes erforderlich:
- Erteilung der Erlaubnis durch die Behörde für eine detailliertere Inspektion des Objektes durch den Verein und Sachverständige (eine erste Inaugenscheinnahme gemeinsam mit unseren Architekten ist bereits erfolgt)
- Umfassende Kalkulation durch den Verein (Investitionen für Um- und Aus-bau, Betriebskosten, Kosten für die Wartung und Pflege, Erlösplanung etc.)
- Ressourcenplanung (Personal für den Beginn, Personalentwicklung, Infra-struktur etc.)
- Eruierung von Möglichkeiten der Förderung/ Unterstützung einzelner Maß-nahmen durch EU-Mittel, Mittel des Bundes, der Stadt Hamburg bzw. von Stiftungen, Verbänden und Vereinen
- Sponsorengewinnung
- Erstellung eines Entwicklungsplans für das Objekt unter Berücksichtigung der finanziellen Rahmenbedingungen (Zeit- und Projektplan für die Ausbauphasen)
7. Schlusswort
Der Um- und Ausbau der Gebäude zum Lebensraum für Behinderte und ihre Familien, zum Ort der Kultur und Bildung und zur Begegnungsstätte erfordert große Investitionen, deren Höhe aufgrund der derzeitigen Unkenntnis der konkreten örtlichen Gegebenheiten noch nicht zu beziffern ist und deren Herkunft im weiteren Verlauf des Projektes in Kooperation aller beteiligten Parteien geklärt werden muss. Vor allem aber erfordert das Projekt ein hohes Maß an Kreativität, Arbeitskraft und Mut.
Mit dem vorliegenden Konzept wurden Ideen für die Nutzung des Objektes im Ansatz vorgestellt. Verlässliche Unterstützung findet der Verein „Nicos Farm e.V.“ bei seinen Freunden, die mit ihren öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie Benefiz-konzerten oder -footballturnieren, mit Aktionsständen, Flyern und Plakaten oder ihren Ideen, vor allem aber auch mit ihrer Arbeitskraft beim Aufbau von Nicos Farm helfen werden.
